Selbstdenken!: 20 Praktiken der Philosophie


 
Als gebildet gilt, wer im Kopf beweglich ist
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(REAL NAME)    Rezension bezieht sich auf: Selbstdenken!: 20 Praktiken der Philosophie (Broschiert) Bei den Athenern gilt nicht etwa der als gebildet, der vieles weiß: "Gebildet nennt man vielmehr denjenigen, der im Kopf beweglich ist, der sich zu jedem Thema eine Meinung bilden kann, neue Ideen und Argumente entwickelt und mit Ideen spielerisch umgehen kann, statt sie stumpf zu wiederholen", darauf macht Jens Soentgen gleich in der Einleitung zu seinem Buch "Selbstdenken!" aufmerksam. Und um diese Beweglichkeit zu trainieren, stellt der Autor 20 Praktiken der Philosophie vor. Das Schöne dabei ist, dass sie nicht verquast wissenschaftlich daherkommen, sondern leicht verständlich sind.

Mir hat es sehr gefallen, dass der Autor Praktiken vorstellt, die die meisten vermutlich selbst schon einmal ausprobiert haben. Ganz spontan, ohne sich deswegen als Philosoph zu fühlen. Für Kinder, aber auch für Erwachsene, lohnt es sich, diese 20 Kapitel zu lesen, zumal das Spaß macht. Dazu ein Beispiel: Im Kapitel "Präzisieren und Definieren" geht es unter anderem um die Verleihung von Orden für Tapferkeit. Zunächst bezieht sich der Autor auf Sokrates, der sich darüber mit zwei Generälen unterhält, und zwar so lange, bis nichts mehr dabei herauskommt. Aber für die Verleihung von Kriegsorden reichen oft Vorschriften aus, eine umfassende Definition benötigt man dafür nicht. Denn es sei von vornherein klar, dass es bei Soldaten nicht um Tapferkeit in "allen" Fällen gehen kann. Schließlich spürt man förmlich Jens Soentgens Augenzwinkern, wenn er danach einen österreichischen Damenorden anführt, den Eleonora (1630-1686), die Gemahlin von Kaiser Ferdinand III im Jahr 1662 gestiftet hat, der den Titel "Sklavinnen der Tugend" trug. Er zeichnete Damen für Tapferkeit "unter besonders schwierigen Bedingungen aus - auf dem Gebiet der erotischen Anfechtungen nämlich". Nun, wem sollte und durfte dieser Orden einst verliehen werden? Natürlich: Damen, die "von hoher Geburt und aus vornehmem Hause" waren, deren ehrbarer Lebenswandel "mindestens durch Gerücht" bekannt war. Sokrates hätte dem kaum zustimmen können.

Auch die Erfindung des Zettelkastens durch den Zürchner Universalgelehrten Conrad Gesner (1516-1565) kommt im Buch zu Ehren. Gesner empfahl, "alles von Wichtigkeit und was Verwendung verheißt, auf ein einseitig zu beschreibendes Blatt von guter Qualität" zu übertragen. Nun, darauf, dass das Philosophie sein könnte, darauf käme sicher nicht jedes Kind so ohne weiteres! Da fielen einem schon eher Gedankenexperimente, Logik oder Demontage ein.

Aber das ist es ja gerade, was dieses Buch lesenswert macht; und die letzten Sätze auf S. 239 würde vermutlich jeder unterschreiben. Da liest man: "Nichts ist so unphilosophisch, wie die Meinung, die eigene Philosophie sei der Weisheit letzter Schluss. Denn bei der Untersuchung der Wahrheit gilt, wie Aristoteles an einer berühmten Stelle seiner 'Metaphysik' sagt, 'dass sie einerseits von niemanden vollständig erreicht werden kann, andererseits aber auch keiner sie ganz verfehlt'. Man muss bereit sein, von anderen zu lernen - und zugleich den Mut haben, selbst zu denken."

In diesem Sinne sei das Buch kleineren ebenso wie größeren Lesern empfohlen. Der Text von Jens Soentgen ist amüsant zu lesen, und die Illustrationen von Nadia Budde haben mir auch gut gefallen.
Eine Rezension von Ein Kunde
vom 21. Juni 2009
Kundenrezensionen:
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